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Probiotische Bakterien zur Migräne-Vorbeugung?

Probiotika bei Migräne

Update 27.11.15: Details zu den Studienergebnissen und neues Fazit ergänzt.

Update 13.07.17: Forscher haben die Ergebnisse aller relevanten bisherigen Studien zum Zusammenhang von Migräne und Darmkrankheiten bzw. der Darmflora untersucht und zusammengefasst. Die Ergebnisse könnt ihr hier abrufen: Übersichtstudie „Potential Beneficial Effects of Probiotics on Human Migraine Headache: A Literature Review“ (pdf) im Pain Physician Journal1.


Vor einigen Wochen kursierten Meldungen im Internet, dass nach neuen Erkenntnissen probiotische Bakterien helfen sollen, Migräne vorzubeugen. Im Detail drehte es sich um ein bestimmtes Nahrungsergänzungsmittel mit dem sperrigen Namen „OMNi-BiOTiC MIGRAene“. „Klar“, dachte ich, „mal wieder eine Firma, die ein eigenes Produkt auf den Markt bringt, dass DIE neue Migränerevolution sein soll“. Und ignorierte die Artikel erst einmal. Irgendwie klang es auch zu einfach… probiotische Bakterien, also nur jeden Tag einen Joghurt essen und schon ist mal seine Migräne los?

Was mich jetzt wieder darauf aufmerksam gemacht hat? Die Meldung, dass die positive Wirkung des Probiotikums wohl in einer Studie belegt wurde. Und der Präsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft und Leiter der Neurologischen Poliklinik des Oberbayerischen Kopfschmerzzentrums Prof. Dr. Straube (und Mag. Frauwallner, Forschungsleiterin des Herstellers Allergosan) die Ergebnisse im November beim Deutschen Schmerzkongress präsentieren werden.1

Mal abgesehen davon, dass die Studie wahrscheinlich vom Hersteller selber finanziert wurde, klingt das doch einigermaßen Vertrauen erweckend, oder?

Migräne – was hat der Darm damit zu tun?

Laut Pressemitteilung¹ basiert der neue Ansatz auf der engen Verbindung zwischen Darm, Leber und Gehirn. Nährstoffe werden im Darm aus der Nahrung extrahiert und über die Leber und das Herz zum Gehirn geleitet, wo benötigte Nährstoffe aufgenommen werden. Das Problem: bei Schwierigkeiten mit dem Darm, wie einer schlechten Darmflora, werden vermehrt Giftstoffe aufgenommen. Wenn die Leber es nicht schafft sie vollständig zu entfernen, können sie so evtl. auch ins Gehirn gelangen.

Der Ansatz soll sich auch auf Beobachtungen stützen, dass Migräniker überschnittlich häufig an Magen-Darm-Problemen leiden und umgekehrt auch Menschen mit Magen-Darm-Krankheiten häufiger Migräne haben als andere.

Für mich persönlich klingelt es da… auch ich habe häufiger mit Magen-Darm-Problemen zu tun und habe außerdem eine chronische Magen-Darm-Erkrankung (die mich Gott sei Dank nicht weiter beeinträchtigt, aber eben da ist).

Erste Studienergebnisse zu Probiotika bei Migräne

Laut Herstellers soll das Synbiotikum (enthält pro- und präbiotische Bestandteile) in einer Studie folgende Ergebnisse gezeigt haben:1,3

  • Migränehäufigkeit um 23% gesenkt (nach 8 Wochen)
    • um 1,5 Tage nach 12 Wochen
    • von ursprünglich 6,7 Tagen (+/- 2,4 Tage) auf 5,2 Tage im Monat (+/- 2,4 Tage)
    • statistisch signifikant
  • Responder:
    • bei 66,7% der Teilnehmer Verringerung der Migränetage
    • bei 18,5% keine Veränderung
    • bei 14,8% mehr Migränetage als vorher
  • Verbesserung um mehr als 50% nur bei 14,8% der Teilnehmer
  • Reduzierung der Schmerzintensität von 6,3 (+/- 1,5) auf 5,5 (+/- 1,9), statistisch signifikant
  • Weniger Schmerzmittel (Paracetamol, Ibuprofen, Acetylsalicylsäure) nötig, statistisch signifikant
  • KEINE Reduzierung der Triptan-Einnahme
  • Verbesserung der Lebensqualität
    • MIDAS-Fragebogen: von 24,8 (+/- 25,5) auf 16,6 (+/-13,5), statistisch signifikant
  • Ohne „unerwünschte Effekte“ (meint wohl Nebenwirkungen)

Fazit

Das klingt erst einmal sehr gut und ich bin schon sehr gespannt. (Update siehe unten.) Es wäre ja nicht schlecht, wenn man einen weiteren nebenwirkungsarmen Baustein zu seiner Migräneprophylaxe hinzufügen könnte.

Die gesundheitsfördernde Wirkung von Probiotika bei anderen Beschwerden untersuchte eine Meta-Analyse von 2013 und kam zu dem Schluss, dass es Belege für eine Wirkung bei Durchfall durch Antibiotika, Colitis ulcerosa (eine chronische Darmentzündung), nekrotisierende Enterokolitis (eine Darmerkrankung bei Frühgeborenen) und einer hohen Infektanfälligkeit gibt und sie außerdem die Nebenwirkungen einer Chemotherapie abmildern können.² (Kurz nachdem ich diesen Artikel schrieb gab es außerdem eine neue Meldung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, die über die Erforschung von Probiotika bei MS, Demenz und Schlaganfall berichten.)

Allerdings sollte man bei einzelnen Studien, die zudem vom Hersteller selber kommen, auch etwas skeptisch bleiben, bevor man sein ganzes Geld in einen Jahresvorrat Nahrungsergänzungsmittel investiert. Und das „Diätetisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke“ ist mit einer UVP von € 39,90 für 30 Tage nicht ganz günstig. Wie ich mich kenne, werde ich es wahrscheinlich trotzdem ausprobieren, aber erst mal warte ich die weiteren Studienergebnisse ab.

(Bitte seid vorsichtig bei der Einnahme von Probiotika, wenn ihr schon Darmprobleme oder andere Krankheiten habt. In der Vergangenheit gab es wohl schon Probleme bei der Einnahme von Probiotika speziell bei Bauchspeicheldrüsenentzündung. Wie immer gilt: besser vorher den Arzt fragen!)

Update 27.11.15: ich habe beim Hersteller von OMNi-BiOTiC MIGRAene (Allergosan) nach weiteren Details gefragt, die sie mir freundlicher Weise zur Verfügung gestellt haben. Es handelte sich um eine sehr kleine Studie mit 27 Probanden. Auch gab es keine Placebo-Gruppe, die Teilnehmer wussten, dass sie einen Wirkstoff bekommen. Daher kann die positive Wirkung auch ein Placeboeffekt gewesen sein. (Die Autoren der Studie argumentieren aber, dass die Wirkung dafür zu spät eingesetzt hat.) Dass zwar die Migränetage leicht verringert wurden, aber die Triptaneinnahme gleich blieb, begeistert auch nicht gerade. Allzu große Euphorie ist also wahrscheinlich noch nicht angebracht. Trotzdem bleiben Probiotika ein spannendes Feld, was man auch an der Forschung bei anderen neurologischen Erkrankungen sieht.

Die vollständige Studie zum Effekt von OMNi-BiOTiC MIGRAene / Ecologic Barrier bei Migräne könnt ihr hier nachlesen. (In der Studie ist die Rede vom Produkt „Ecologic Barrier“. Laut Allergosan sind die beiden Produkte identisch – OMNi-BiOTiC MIGRAene war früher „Ecologic Barrier“, bzw. wie es aussieht heißt es in den Niederlanden auch noch so.)


Quellen:
[1] http://www.ftp-bskom.de/Pressemitteilung/PM_Allergosan_OMNi-BiOTiC_MIGRAene.pdf
[2] http://www.medical-tribune.de/medizin/fokus-medizin/artikeldetail/die-wirkung-von-probiotika-fuer-die-gesundheit.html
[3] http://www.wageningenacademic.com/doi/pdf/10.3920/BM2015.0003
[4] http://www.painphysicianjournal.com/current/pdf?article=NDExNA%3D%3D&journal=102

OMNi-BiOTiC ist eine eingetragene Marke des Institut Allergosan Pharmazeutische Produkte Foschungs- und Vertriebs GmbH.
Beitragsbild von Jeffrey Deng / Unsplash unter Creative Commons 0

Zum Weiterlesen:

Studie zu Ecologic Barrier / OMNi-BiOTiC MIGRAene zur Migränevorbeugung (Englisch)

Pressemitteilung des Herstellers mit allen Details (pdf)


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2 Gedanken zu “Probiotische Bakterien zur Migräne-Vorbeugung?

  1. Gerade jetzt habe ich meine 3 Packungen bekommen. Mein Sohn soll an einem Studium teilnehmen ob dieses Medikament wirklich wirkt. Ich hoffe das wird ihm helfen. Er ist erst 11 und leidet unter Migräne seit er 4 ist.

    1. Der Arme! Magst Du sagen, wo diese Studie stattfindet, vielleicht sind noch andere Leser daran interessiert!
      Alles Gute für euch!
      Fran

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